Ein Drittel unserer Lebensmittel wandert auf den Müll. Laut der Initiative foodwaste.ch sind es in der Schweiz pro Jahr rund zwei Millionen Tonnen. Der deutsche Regisseur Valentin Thurn wollte diesen Zustand nicht länger hinnehmen und rüttelte die Menschen vor drei Jahren mit seinem Dokumentarfilm «Taste the Waste» auf. Der Film ging um die Welt, aber ging auch ein Ruck durch die Menschen? «Wir haben in zwei Jahren über eine Million Kilogramm Lebensmittel in Deutschland, Österreich und der Schweiz retten können», sagt Thurn. Das sei wahrlich nicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber, so räumt er ein, das Ganze sei eher ein Gedankenanstoss, als
eine  Lösung.

Teilen statt Wegwerfen

Vor zwei Jahren rief Thurn die Internetplattform foodsharing.de ins Leben, gefolgt von myfoodsharing.ch in der Schweiz und myfoodsharing.at in Österreich. Diese Plattformen geben Privatpersonen, Händlern und Produzenten die Möglichkeit, überschüssige Lebensmittel kostenlos anzubieten oder abzuholen. Mittlerweile machen über 55 000 Menschen aktiv mit.  9000 Freiwillige holen regelmässig Lebensmittel bei Supermärkten ab.
Essen ist heilig, Wegwerfen ist eine Sünde. Dieses Motto, das er schon früh von seiner Mutter lernte, war für Thurn mehr als ein abgedroschenes Nachkriegsmantra. Seine Grossmutter war selbst entkräftet an Hunger gestorben, weil sie das noch so knappe Essen lieber an ihre Tochter, Thurns Mutter, weitergab.

Was bedeutet Hunger?

«Gerade mal zwei Generationen ist es her, dass Menschen in Europa Hungererfahrungen machten mussten», meint Thurn und wird nicht müde in seinem Engagement gegen die Lebensmittelvernichtung. Für grössere Schritte gegen die Wegwerfgesellschaft sei jedoch auch die Politik gefordert, mit klaren Konzepten die Tendenz umzukehren. «Wir könnten die Lebensmittelverschwendung ohne einen Aufwand, der dies unwirtschaftlich machen würde, halbieren», ist Thurn überzeugt. Ein Blick nach England zeige, dass es mit einem staatlich gesetzten Rahmen möglich ist, den Müllberg deutlich zu verringern.

Nicht alle Lebensmittel kommen im Supermarkt an

Während er im Film «Taste the Waste» den individuellen Umgang mit Lebensmitteln thematisiert,  setzt Thurns aktuelles Buch «Harte Kost» viel früher an und hinterfragt, wie voraussichtlich 10 Milliarden Menschen im Jahr 2050 auf unserem Planeten überhaupt noch satt werden können. Zwar könnten wir mit unserer Nahrungsmittelproduktion heute schon weltweit 10 bis 12 Milliarden Menschen satt bekommen, nur: Ein Drittel gehe bereits zwischen Acker und Supermarkt verloren. So hat Thurn sich zusammen mit Stefan Kreutzberger auf eine weltweite Suche begeben, nach zukunftsfähigen Lösungen für eine Nahrungsmittelproduktion, die Mensch und Tier respektiert und die knappen Ressourcen schont.
«Es ist die wichtigste, grösste Frage dieses Jahrhunderts», ist Thurn überzeugt.

Bewusstsein schaffen ist wichtig

«Drei Viertel der Ackerfläche weltweit sind bereits für die Futtermittelgewinnung besetzt und der Fleischkonsum wird noch zunehmen.» Aber er will den Menschen, gerade auch angesichts des anstehenden Weihnachtsfestes, das Essen nicht schlecht reden, sondern mehr Bewusstsein schaffen. «Ich bin auch kein Vegetarier und esse einfach gerne und gerne gut. Doch ich möchte es weiterhin mit Wertschätzung tun», sagt er.