Freddy Christandl
Genusstrainer, Spitzenkoch und Terroir-Pionier

Echter Genuss ist bewusstes Geniessen. Nur diese Art löst tiefe Zufriedenheit aus. Dieses Gefühl kann fast jederzeit und überall hervorgerufen werden.

Ist der Weg zum echten Genuss also ganz einfach?
In Westeuropa leben wir ja sozusagen im Schlaraffenland, in einer Oase des Überflusses. Wir wissen zum Beispiel immer mehr über gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensweisen. Doch dieses Wissen, kombiniert mit oft selbst auferlegten (meist unbewussten) Genussverboten und versteckten alten Lebensregeln, machen uns schnell ein schlechtes Gewissen und damit das Geniessen schwer. Die Genussfähigkeit geht uns so nach und nach verloren. Da helfen weder grössere Mengen noch gesteigerter Konsum beides macht nur kurzfristig glücklich!
Stress, Reizüberflutung und Multitasking schränken das Geniessen ebenfalls immer mehr ein. Durch die Geschwindigkeit, die unser Alltag heute angenommen hat, wird es immer einfacher, etwas zu verpassen (im doppelten Sinne), und schwieriger, schöne Dinge im Leben bewusst wahrzunehmen. Und dennoch darf man unsere Gesellschaft nicht kritisieren, der Mensch passt sich schliesslich nur dem gegenwärtigen Tempodiktat unserer technischen und globalisierten Welt an. Das ist sein Urtrieb.

Genusstraining – wo bleibt dabei der Genuss?
Da hilft auch die ausgeklügeltste Technik nicht, die verloren gegangene oder eingeschlafene Genussfähigkeit kommt nicht auf Knopfdruck zurück. Es braucht regelmässige Übung, um die Sinne zu beleben. Doch beim Genusstraining kommt der erste Erfolg und damit verbunden dieses schöne wohlige Gefühl sehr rasch. Ohne sich dabei zu verrenken, erfasst man in eigenen Worten Gefühle, Geschmack und Emotionen. Von jeglicher Fach- oder Sensoriksprache ist jedermann/frau befreit. Man kann die Welt plötzlich wieder mit allen Sinnen und im eigenen Tempo erkunden und für sich selbst herausfinden, mit welcher Genussstrategie man durch den Alltag gehen will.

Ein wichtiger Schlüssel liegt auf unseren Tellern
Die Kulinarik spielt beim Weg zum «bewussten Genuss» nichtsdestotrotz eine gewichtige Rolle. Mit dem falschen Treibstoff kommt ein Motor bald ins Stottern. Übertragen auf das Geniessen heisst dies, dass der Mensch mit manipulierter und uniformer Kost körperliche oder geistige Genüsse ebenfalls weniger intensiv erleben kann.

«Echter Genuss beginnt in dem Augenblick, in dem man aufhört, über anderes nachzudenken.»


Darum wird es heute immer wichtiger zu wissen, was auf unsere Teller und schliesslich in unsere Mägen kommt. Die regionale Küche ist dabei die ewige Konstante, das war sie übrigens immer schon zu Notzeiten. Früher war es die Hungersnot, heute ist es das Gegenteil. Das Misstrauen gegenüber künstlichen Aromastoffen, pestizidbelastetem Gemüse und stickstoff-aufgeblasenen Kartoffeln darf und soll sein. Längst geben selbst Experten zu, dass die Lösung in kleinbäuerlichen, biologisch bewirtschafteten Betrieben liegt, wie beim Bündner Paradebeispiel, den Bergkartoffeln aus dem Albulatal. Genusstraining, Kulinarik und Nachhaltigkeit: Eine zukunftsweisende Verbindung.

Stellen Sie sich nun immer noch die Frage: Muss ich geniessen wirklich üben? Aus eigener Erfahrung kann ich heute mit voller Überzeugung ja sagen. Wenn Sie sich darauf einlassen, werden Sie staunen – von schönen Gefühlen und vielfältigen Genüssen kann man schliesslich nie genug bekommen. Und in naher Zukunft geniessen wir hoffentlich alle nur mehr mit gutem Gewissen.