Jahrzehntelang sei Kaffee in der Schweiz ein Alltagsgetränk gewesen, um das man kein grosses Aufheben machte, sagt Claude Stahel. «Sowohl die Gastronomie wie auch der Detailhandel deckten sich einheitlich ein, und die Konsumenten hatten kaum unterschiedliche Bedürfnisse.» Vor 20 Jahren sei es zudem schlicht nicht möglich gewesen, Kaffees heutiger Qualität zu beziehen, da die Produzenten weder über das Know-how verfügten, noch einen Markt dafür hatten. Die Kaffeekrise Ende der 1990er-Jahre habe einigen innovativen Produzenten die Augen geöffnet, da sie zu den gebotenen Preisen nicht mehr produzieren konnten. «Einzig durch hohe Qualität lassen sich auf dem Markt auch höhere Preise erzielen», betont Stahel in diesem Zusammenhang.

Das Handwerk beigebracht
Heute übersteigt die Nachfrage nach Kaffee das Angebot. Ein Grund ist, dass auch in den Produzentenländern selber immer mehr Kaffee konsumiert wird. «Zudem machten neue Konzepte wie Coffee-Shops das Getränk auch bei den jüngeren Konsumenten wieder trendy», erklärt Stahel. Hinzu kam, dass Entwicklungshilfeorganisationen die Konsumenten darüber aufklärten, dass vom Rohkaffee weltweit sehr viele Menschen abhängig sind. Deshalb führen unterdessen in der Schweiz Grossverteiler, Detaillisten, aber auch kleinere Röstereien Produkte in ihrem Sortiment, die über ein Fairtrade- und Nachhaltigkeits-Zertifikat verfügen. Mit seinem Geschäftsmodell «Direct Trade» hat Stahel einen anderen, viel versprechenden Weg gewählt.

Die Suche nach den besten Rohkaffees führte ihn seinerzeit nach Ostindien. Die dort ansässigen Bauern mussten unter der britischen Kolonialmacht für eine Handvoll Geld ihren selbst angebauten Kaffee an staatliche Sammelstellen abliefern. Später fand das Rohprodukt minderer Qualität den Weg auf den Weltmarkt. «Im Sinne von mehr Nachhaltigkeit begann die Naandi-Foundation, einzelnen Familien das Handwerk des biodynamischen Kaffeeanbaus beizubringen», erläutert Stahel. Mit wachsendem Erfolg. Höhere Erlöse, neue Perspektiven für die Bauern und Spezialitäten für Kaffeeliebhaber waren das positive Resultat.

Faire Preise
«Der einzige Weg für die Kaffeebauern, aus der Armut herauszukommen und eine lebenswerte Zukunftsperspektive zu haben, besteht darin, höchste Qualität zu einem guten Marktpreis anzubieten», betont Claude Stahel. Die Naandi Foundation habe ihm vor Augen geführt, dass Entwicklungshilfe ohne einen grossen Verwaltungsapparat möglich ist. Die Stiftung ist eine der grössten Organisationen, die in Indien aktiv Armut auf verschiedenen Ebenen bekämpft. «Deshalb habe ich beschlossen, die Foundation zu unterstützen», sagt Stahel. Fairtrade heisst für ihn, dass er den Produzenten, mit denen er handelt, für den Rohstoff Kaffee einen Preis bezahlt, der es ihnen ermöglicht, ihren sozialen und wirtschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. «Im Gegenzug erhalten wir Ware in bester Qualität.» Damit sei die Kette von der Produktion bis hin zum Endkunden fair, betont Stahel. So betrachtet ist er auch ein Visionär. Denn dass Kleinbauern im Kaffeeanbau ihre Ernte zu einem fairen Preis verkaufen können, ist längst nicht überall eine Selbstverständlichkeit.

Aller Anfang ist schwer
Zentral ist für Claude Stahel eine solide Vertrauensbasis zu den Produzenten. «Diese müssen sich darauf verlassen können, dass ich ihnen einen angemessenen Preis bezahle. Ich selber muss gleichzeitig davon ausgehen können, dass sich in den Containern, die nach Europa verschifft werden, auch die Ware befindet, die ich bestellt habe.» Mikroröstereien wie seine Black & Blaze sind Pioniere in der Schweiz. Stahel versteht sich aber nicht nur als Visionär, sondern auch als Trendsetter. Vor gut drei Jahren begann er, für sein Geschäft in Ebmatingen selber Kaffee zu importieren und zu verarbeiten. Mittlerweile ist seine Marke bei kleineren und grösseren Abnehmern bekannt.

Angefangen hat alles ganz bescheiden. Als er seinen ersten Sack Rohkaffee kaufen wollte, rief er in Hamburg bei einem Broker an und wurde von dort an einen Händler in der Schweiz verwiesen. «Der wollte mir mindestens sieben Container zu 320 Säcken verkaufen.» Über einen weiteren Unterhändler erreichte er schliesslich sein Ziel und erhielt kleinere Mengen. Dann machte er sich an die Arbeit, damals noch mit einer kleinen Ein-Kilo-Röstmaschine, die er via Internet in der Türkei gekauft hatte. «Ich hatte keinen Plan, und mein erster Kaffee ist derart verbrannt, dass das ganze Fotostudio voller Rauch war», erinnert er sich.

Grosses Potenzial
Neben dem Direktimport bezieht Stahel auch kleinere Mengen bei Spezialitäten-Händlern in Europa. Nach wie vor besucht er aber wenn immer möglich seine Produzenten vor Ort. Heute gebe es immer mehr Anbieter von besonders edlem und hochwertigem Kaffee, sagt er. Der Anbau sei entsprechend spezialisiert und teuer. Dank zunehmender Nachfrage röstet Stahel jeden Monat einige Kilos mehr dieser Spezialitäten-Kaffees. Dabei setzt er unter anderem auf Transparenz hinsichtlich der Herkunft der Bohnen. Gross wachsen soll das Sortiment in nächster Zeit nicht. Klein, aber fein, heisst die Devise weiterhin.
Einen neuen Trend ortet Stahel beim Filterkaffee, wenn auch in der Schweiz noch eher verhalten. «Zunehmend bieten Gastronomen neben dem klassischen Espresso auch Kaffees aus sogenannten Single Estates an. Diese hochwertigen Kaffees werden wie Weine zelebriert», sagt Stahel. Was die Varietäten und die Aufbereitung von Kaffee betrifft, ortet der ausgewiesene Kaffeekenner noch grosses Potenzial. «Wichtig für den Konsumenten ist zudem, dass die ganze Wertschöpfungskette transparent dargestellt wird.»